Die mit dem neuartige Coronavirus (SARS-CoV‑2) einhergehende Informationsflut verschärft bestehende Fragen zum Umgang mit Falschnachrichten – und schafft eine Vielzahl neuartiger Probleme. Nicht nur verbreiten sich Gerüchte rasant in den sozialen Medien, auch stellt der immense Zeitdruck Wissenschaftler:innen vor Herausforderungen und kann so zu voreiligen Schlüssen führen. Zudem werden offizielle Aussagen zu Eindämmungsmaßnahmen oft von der Realität des sich rasant ausbreitenden Virus überflügelt.
So warnte das Bundesgesundheitsministerium auf Twitter noch am 14. März unter der Überschrift „Achtung Fake News“ davor, dass falsche Berichte über weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens kursierten. In den darauf folgenden Tagen wurden dann aber eben solche Maßnahmen beschlossen. Das drastische Dementi des Ministeriums war nach zwei Tagen schon veraltet.
Medizinische Hinweise im Netz
Auch medizinische Hinweise werden online geteilt. So warnt die Medizinische Uni Wien auf Twitter vor WhatsApp-Nachrichten, in denen unter Verweis auf angebliche Forschungsergebnisse der Universität Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Ibuprofen und COVID-19 hergestellt werden. Zwar riet auch die WHO zwischenzeitlich dazu, eher zu alternativen Medikamenten zu greifen, mit Forschung der Uni Wien hatte dies aber wenig zu tun. Mittlerweile hat die Gesundheitsorganisation zudem ihre vorsichtige Warnung vor dem Medikament zurückgezogen.
Die Episode zeigt, wie wissenschaftliche Unsicherheit und in sozialen Medien kursierende Gerüchte sich gegenseitig bedingen können. Natürlich: Diskussionen sowie gegensätzliche Einschätzungen eines Sachverhaltes sind elementarer Teil wissenschaftlicher Debatte. Doch in verkürzten Darstellungen oder Gerüchten in den sozialen Medien fehlen wichtige Elemente wie Peer-Reviewing-Verfahren und eine eindeutig zuordenbare Autor:innenschaft, die wissenschaftliche Praxis auszeichnen. So wird Unsicherheit genährt und Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse erodiert.
Während Forderungen nach einer stärkeren Ahndung von Corona-bezogenen „Fake News“ laut werden, geben wir deshalb hier einen Überblick über Aufklärungsseiten, die den wichtigen Schritt gehen, Falschnachrichten im Netz richtig zu stellen und wissenschaftliche Erkenntnisse aufzubereiten.
Correctiv – Faktenchecks und Recherche
Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv bietet neben eigenen Recherchen, die oft in Kooperation mit anderen Medien stattfinden, eine Vielzahl von Faktenchecks an – auch in Zusammenarbeit mit und auf der Plattform Facebook. Meldungen, die beispielsweise im Netz kursieren, werden von Mitarbeitenden anhand ihres Faktengehalts auf dem Spektrum zwischen richtig und falsch verortet – oder als unbelegt kategorisiert.
So nimmt das Medium tagesaktuell auch das vielfach auf YouTube geteilte Video von Wolfgang Wodarg in Visier. Die Autor:innen kommen zum Schluss, dass der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, der auch dem rechtsoffenen Portal KenFM für ein Interview bereit stand, Fakten mit Spekulation mischt.
So nutzt er bei bestimmten Fragen bestehende Unklarheiten aus, um wissenschaftliche Einschätzungen zum Coronavirus grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine Strategie, wie sie auch Klimaleugner:innen regelmäßig nutzen.
Als neues Tool stellt Correctiv.Faktencheck zudem einen sogenannten CrowdNewsroom zur Verfügung, in dem Bürger:innen melden können, wo und wann ihnen Falschmeldungen zum Coronavirus begegnen. So soll sichtbar werden, wie sich Desinformationen in Deutschland verbreiten.
Mimikama
Der österreichische Verein Mimikama widmet sich den Themen Internetbetrug, Falschmeldungen sowie Computersicherheit und betreibt die reichtweitenstarke Facebook-Seite „Zuerst denken – dann klicken“. Entsprechend liegt der Fokus der Initiative vor allem auf Falsch- und Betrugsmeldungen in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und WhatsApp. Die Arbeit der Initiative besteht eher in der Klarstellung falscher Nachrichten als in ausführlichen Hintergrundrecherchen. Auch hier sind Klarstellungen zum Coronavirus – beispielsweise zu kursierenden Kettenbriefen mit Gesundheitstipps – präsent.
Faktenchecks der öffentlich-rechtlichen Medien
Auch öffentlich-rechtliche Medien widmen sich dem Thema Faktencheck. Bekanntestes Beispiel ist wohl der ARD-Faktenfinder, der Falschinformationen im Netz mit eigenen Hintergrundrecherchen begegnet, die ausführlicher und detaillierter sind als es bei tagesaktueller Berichterstattung möglich wäre. Auch der Bayerische Rundfunk betreibt mit dem #Faktenfuchs sein eigenes Portal, das neben überregionalen Faktenchecks primär mit einem regionalen Fokus aufwartet. In beiden Projekten finden sich momentan auch eine Vielzahl an Berichten zu kursierenden Corona-Falschnachrichten.
Wo findet man Informationen zu Corona-Studien?
Die Corona-Krise stellt auch Wissenschaftler:innen vor Herausforderungen. Erkenntnisse über das neuartige Virus sind dringend gefragt, schließlich bilden sie die Grundlage für politisch gesteuerte Eindämmungsmaßnahmen. Doch wissenschaftliche Praxen brauchen für gewöhnlich Zeit – und die ist angesichts der rapide steigenden Zahl von Corona-Fällen auf der ganzen Welt ein knappes Gut.
Zunehmend werden deshalb die traditionellen Gatekeeper, etablierte wissenschaftliche Zeitschriften, umgangen und Artikel ohne Peer-Reviewing von Forschenden direkt veröffentlicht. Mehr als sonst ist bei diesen sogenannten Preprints eine Quellenkritik notwendig – und doch kommt diese in der aktuellen Situation oft zu kurz, berichtet das Schweizer Online-Magazin Republik.
Eine Anlaufquelle für ausgewählte wissenschaftliche Veröffentlichungen ist das Science Media Center Deutschland, das sich zum Ziel setzt, eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Journalismus zu übernehmen. Forschungsergebnisse werden von den Mitarbeiter:innen des SMC kuratiert, durch Wissenschaftler:innen bewertet und in Form von Factsheets zugänglich gemacht – auch zum neuartigen Coronavirus.
Andere Anlaufstellen für gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse sind natürlich die Webseiten der Weltgesundheitsorganisation, des deutschen Robert Koch-Instituts sowie des Bundesgesundheitsministeriums.
Angesichts der gegenwärtigen Informationsflut ist vielleicht der erste von zehn Tipps gegen Falschmeldungen in der Corona-Krise, die die Süddeutsche Zeitung empfiehlt, der hilfreichste: Erstmal durchatmen und kurz innehalten, bevor wir Nachrichten vorschnell teilen und so zu ihrer Weiterverbreitung beitragen.
